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Wien, Mai 2019
Wiener Manifest für Digitalen Humanismus
„Technologien nach menschlichen Werten und Bedürfnissen formen“
Die Digitalisierung unserer Gesellschaft schreitet rasant voran. Sie bringt viele positive Aspekte mit sich, für Einzelpersonen, für die Wirtschaft und für unsere Gesellschaft. Gleichzeitig treten jedoch zunehmend auch negative Entwicklungen zutage. Diese reichen vom Verlust der Privatsphäre und Bedrohungen demokratischer Errungenschaften bis hin zu Technologie-Monopolen und algorithmischen Entscheidungen, die Menschen betreffen.
„Digitaler Humanismus“ hat sich als eine Bewegung etabliert, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Digitalisierung zu analysieren und zu hinterfragen. Ziel ist es, Konzepte zu entwickeln, die eine Neuausrichtung der Informationstechnologie im Einklang mit menschlichen und demokratischen Standards ermöglichen und die gesellschaftlichen Errungenschaften der Aufklärung vorantreiben. Das Wiener Manifest für Digitalen Humanismus definiert die zentralen Ziele, die auch von unserem Verein vertreten werden.
Kernforderungen
Zusammenfassend verkünden wir folgende Kernforderungen:
- 1
Digitale Technologien sollen so gestaltet sein, dass sie Demokratie und Inklusion fördern. Dies wird besondere Anstrengungen erfordern, um derzeitige Ungleichheiten zu überwinden und das emanzipatorische Potenzial digitaler Technologien zu nutzen – und damit unsere Gesellschaft inklusiver zu gestalten zu können.
- 2
Privatsphäre und Redefreiheit sind Grundwerte, die im Mittelpunkt unserer Aktivitäten stehen sollen. Daher müssen Strukturen wie soziale Medien oder Online-Plattformen derart geändert werden, dass freie Meinungsäußerung, Verbreitung von Informationen und Privatsphäre besser geschützt sind.
- 3
Es müssen wirksame Vorschriften, Gesetze und Regeln festgelegt werden, die auf einem breiten Diskurs beruhen. Sie sollen Fairness und Gleichheit, Verantwortlichkeit und Transparenz von Softwareprogrammen und Algorithmen sicherstellen.
- 4
Die Regulierungsbehörden müssen gegenüber Technologiemonopolen intervenieren. Die Wettbewerbsfähigkeit des Marktes muss wiederhergestellt werden, da Tech-Monopole die Marktmacht ausnutzen und Innovationen ersticken. Staaten sollen nicht alle Entscheidungen den Märkten überlassen.
- 5
Entscheidungen, deren Folgen die individuellen oder kollektiven Menschenrechte betreffen können, müssen weiterhin vom Menschen getroffen werden. Die Entscheidungsträger*innen müssen für ihre Entscheidungen verantwortlich und haftbar sein. Automatisierte Entscheidungssysteme sollen die Entscheidungsfindung durch den Menschen nur unterstützen und nicht ersetzen.
- 6
Wissenschaftliche Ansätze über verschiedene Disziplinen hinweg sind Voraussetzung, um die Herausforderungen zu meistern. Technologische Disziplinen wie die Informatik müssen mit den Sozial-, Geistes- und Naturwissenschaften zusammenarbeiten, um disziplinäre ‚Silos‘ zu durchbrechen.
- 7
Universitäten sind der Ort, an dem neues Wissen erzeugt und kritisches Denken geschärft wird. Sie haben daher eine besondere Verantwortung, und sollen sich dessen auch bewusst sein.
- 8
Akademische und industrielle Forscher*innen müssen sich in einem offenen Dialog mit der Gesellschaft auseinandersetzen und ihre Ansätze reflektieren. Diese Überlegungen müssen in die tatsächlichen Praktiken der Erzeugung neuen Wissens und neuer Technologien eingebettet werden und gleichzeitig die Freiheit des Denkens und der Wissenschaft verteidigen.
- 9
Praktiker*innen auf der ganzen Welt sollen sich der gemeinsamen Verantwortung für die Auswirkungen der Informationstechnologien stellen. Es muss ein gemeinsames Verständnis darüber entstehen, dass keine Technologie neutral ist: Sowohl deren potenzielle Vorteile als auch mögliche Nachteile müssen erkannt und von Praktiker*innen weltweit in der Umsetzung berücksichtigt werden.
- 10
Es bedarf einer Vision für neue Bildungsinhalte, die Wissen aus den Geistes-, Sozial- und Ingenieurwissenschaften kombinieren. Im Zeitalter der automatisierten Entscheidungsfindung und Künstlichen Intelligenz sind Kreativität, Reflexion und die Berücksichtigung menschlicher Aspekte für die Ausbildung zukünftiger Informatiker*innen und anderer Berufsgruppen von entscheidender Bedeutung.
- 11
Die Ausbildung in der Informatik und die Bildungsarbeit über ihre gesellschaftlichen Auswirkungen muss so früh wie möglich beginnen. Ziel ist es, den Lernenden zu ermöglichen, sowohl IKT-Kenntnisse als auch das Bewusstsein für die betreffenden Themen zu entwickeln.